Der Rheindrache | Mobil Suche Sitemap | französisch englisch spanisch

Ottos Mantel

Leopard

Diese Geschichte spielt im Oktober 1205, als der Thronkrieg zwischen Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig das Land zerriss. Viele Menschen starben, ganze Gebiete wurden verheert, Hunger und Not breiteten sich aus. Am 3. Oktober griffen Philipps Truppen Ottos Bastion Köln an, konnten die Stadt aber nicht erobern. Otto wurde schwer verwundet. Seine Verbündeten, Graf Heinrich III. von Sayn und Walram von Limburg, kaperten die bei Bonn liegenden Rheinschiffe mit dem Schatz und dem Proviant Philipps.

Prolog

Seit Tagen hingen dunkle Wolken über dem Siebengebirge, es stürmte und regnete ununterbrochen und die Wege waren kaum mehr befahrbar. Ritter Brexger lenkte seinen Planwagen sehr vorsichtig und stieg immer wieder ab, um die Esel, die den Wagen zogen, zu beruhigen. "Ich weiß, es ist kein Wetter, um so hoch ins Siebengebirge zu fahren", sagte er aufmunternd zu dem Jungen, der neben ihm saß, "doch wir müssen den Männern oben auf der Löwenburg, die dort für Graf Heinrich eine Burg bauen, Lebensmittel bringen. Wie gut, dass uns König Otto von dem gekaperten Proviant abgegeben hat. Durch den Krieg ist fast unsere ganze Ernte vernichtet worden." Doch sie kamen kaum voran und es wurde dunkel. Auf einmal ging es nicht mehr vor und zurück. Seufzend stieg Brexger wieder ab und schaute nach: Der Planwagen war im Schlamm stecken geblieben. Es war unmöglich, weiterzufahren, sie mussten den nächsten Morgen abwarten und von der nahen Löwenburg Hilfe holen. "Wenigsten sind wir auf Saynischem Gebiet", sagte er zu dem Jungen, "hier sind wir einigermaßen sicher. Wir müssen nur die Nacht überstehen." "Das werden wir, Herr Ritter", antwortete der Junge tapfer.

Bärlauch

Dankbar lächelte Brexger ihn an und erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Vor einigen Monaten, auf dem Weg durch den Wald zur saynischen Burg Blankenberg, hatte er einen halb verhungerten und verstörten Jungen getroffen. Er hatte ihn nachhause bringen wollen, doch der Junge war erschrocken, wollte nicht einmal seinen Namen nennen und sagte nur, dass er keine Eltern und keine Zuhause mehr hatte. Während Brexger noch hin- und her überlegte, stieg ihm der würzige Duft von Bärlauch in die Nase. Spontan hob er den Jungen auf sein Pferd und schwang sich hinter ihm in den Sattel. "Nun gut, Bärlauch", sagte er freundlich zu ihm, "dann kommst Du jetzt erstmal mit mir". Seitdem waren die beiden unzertrennlich.

Jetzt konnte Brexger nur sich, Bärlauch und die Esel schützen, damit sie die Nacht gut überstanden. Die Wagenplane, so hoffte er, würde sie gegen den Regen schützen und ihre Körperwärme würde sie warm halten. Er selbst würde wach bleiben und wußte, dass die Esel sehr aufmerksam waren und jeden Fremden schon von weitem wittern würden. Er hievte die Esel in den Wagen und kletterte schließlich selbst hinein. "Ihr seid nicht so wie andere Männer, die ich kenne", sagte Bärlauch, "warum kümmert Ihr Euch um mich und die Esel?" "Weil ich Ritter bin", sagte Brexger schlicht, "es ist unsere Aufgabe, denen beizustehen, die unseren Schutz brauchen. Das sind nicht nur die Damen, sondern auch kleine Jungen wie Du, und eben auch Esel."

Brexgers Ritterschlag

Eine Weile dachte Bärlauch nach, dann fragte er: "Stimmt es, was die Männer sagen, dass König Otto selbst Euch zum Ritter geschlagen hat?" Jetzt war Brexger verlegen, denn von König Otto IV. zum Ritter geschlagen zu werden, galt als besondere Ehre. "Ja", sagte er dann, "das war kurz nach seiner Krönung vor nunmehr sieben Jahren in Aachen. Damals war ich noch Knappe im Gefolge der Grafen von Sayn." "Bitte, erzählt mir davon", bat Bärlauch. Brexger legte den Arm um ihn und begann: "An jenem Tag trug Otto seinen Krönungsmantel, einen prächtigen Mantel aus roter byzantinischer Seide, auf dem mit Goldfäden die Mutter Gottes, Engel, Adler und Leoparden gestickt waren .." "Leoparden?" unterbrach ihn Bärlauch aufgeregt, "wilde Tiere?" "Ja", antwortete Brexger, "Leoparden sind wilde Tiere, und sie sind stark und klug. Leoparden sind die Zeichen des englischen Königshauses, und König Otto ist mütterlicherseits mit ihm verwandt. Du hast doch von König Richard gehört, den man wegen seiner Tapferkeit Löwenherz nannte - Otto ist sein Neffe. Und unsere neue Burg heißt ganz ähnlich, nämlich Löwenburg."

Brexger wartete ein wenig, dann fuhr er fort: "Die goldenen Leoparden auf Ottos Mantel leuchteten in der Sonne, sie sahen so freundlich und lebendig aus, als wollten sie gleich herunterspringen und spielen. Ja .. und dann ist es passiert .." "Was ist passiert?" fragte Bärlauch eifrig. Brexger schien eine kleine Weile in Gedanken verloren, dann sagte er: "Ein kleiner Erddrache aus dem Siebengebirge hatte sich im Gefolge der Grafen von Sayn versteckt .." "Um Himmels willen, ein Drache?", rief Bärlauch entsetzt, "das sind doch böse Kreaturen, die in Höhlen hausen und Menschen fressen!"

Siefnir

"Aber wer erzählt denn so etwas .. " erklang auf einmal eine traurige Stimme. Bärlauch fuhr erschrocken zusammen, doch die Esel hoben mit einem freudigen Wiehern den Kopf. Brexger lächelte Bärlauch aufmunternd zu, dann schlug er die Wagenplane zurück: Draußen stand ein kleines, knubbliges Wesen, ein Erddrache. "Ich weiß, Drachen haben in der Menschenwelt nicht viele Freunde", sagte er betrübt, "da gelten wir als Inbegriff allen Übels. Dabei tun wir wirklich niemanden etwas, Du brauchst keine Angst zu haben". Dann wurde er fast wütend: "Aber diese Menschen haben von nichts eine Ahnung. Manchmal denke ich, sie übertragen auf uns Drachen all das, was sie an sich und ihresgleichen fürchten! Aber mein Freund hier, Ritter Brexger, gehört nicht zu denen. Übrigens auch König Otto nicht!" "Komm' herein", forderte Brexger ihn auf, "von Dir rede ich gerade. Bitte sei dem Jungen nicht böse, er hat doch noch nie einen Drachen kennengelernt! Bärlauch, das ist Siefnir, ein Erddrache aus dem Siebengebirge." Der kleine Erddrache kletterte in den Wagen und sagte: "Nun ja, das ist kein Wunder. Wir zeigen uns auch nur selten. Weißt Du, die Gesetze der Menschenwelt gelten für uns Drachen nicht. Wenn wir spüren, dass wir nicht willkommen sind, können wir unsichtbar bleiben."

Und während der Erddrache und Bärlauch sich vorsichtig beobachteten, erzählte Brexger weiter. "Also, mein kleiner Freund hier war so außer sich vor Freude über diese Ehre, dass er unbedingt mit dabei sein wollte. Ich hatte ihn dringend gebeten, daheim zu bleiben, denn ich kannte ja seine Neugier und fürchtete, dass er sich doch einmal gezeigt und dann großen Ärger bekommen hätte. Doch als ich vor König Otto trat, stand Siefnir auf einmal neben mir. Ich traute meinen Augen nicht. Verzückt starrte er eine Weile auf Ottos wundervollen Mantel, dann tippte er mit seiner Tatze ganz leicht auf einen der Leoparden: 'Du ..' Der Leopard schien den Kopf zu heben: 'Ja?' 'Was, Du kannst mich sehen?' fragte Siefnir. 'Ja natürlich', sagte der Leopard, "ich bin genauso sichtbar oder unsichtbar wie Du. Die Wesen, die uns mögen, sehen und hören uns; die anderen fühlen nur einen Windhauch, wenn wir uns bewegen.' Ich war vor Schreck erstarrt, hielt den Atem an und bekam kaum mit, wie Otto die althergebrachten Worte 'nur diesen einen Schlag noch' sprach und mir leicht mit seinem Schwert auf die Schulter schlug. In dem Augenblick glaubte ich, die beiden hätten lauter gebrüllt als ein Herold, und alle Welt hätte es mitbekommen. Doch niemand hatte etwas gemerkt, nur Otto lächelte leise, schaute kurz auf die Stelle, wo auch der Leopard gerade den Atem anhielt, und forderte mich freundlich auf: 'Nun, mein tapferer Drachenritter, lasst uns Euren Ritterschwur hören!'"

König Otto

"Was, der König konnte das sehen?" Bärlauch konnte es kaum glauben. "Ganz sicher kann das nur er selbst sagen", gab Brexger zu, "doch er verfügt über eine Menge Großmut und Taktgefühl. Otto weiß, was es heißt, wenn Menschen einem nicht wohlgesonnen sind. Als Kind musste er mit seinem Vater ins Exil, und als er so alt war wie Du, hat er viele Monate in Geiselhaft für seinen Onkel Richard Löwenherz verbracht. Der wiederum hatte ihn sehr gerne." Bärlauch rückte ein wenig näher an den kleinen Erdrachen heran. "Da wird Otto auch nicht immer genug zu essen bekommen haben", sagte er nachdenklich, "ob er uns deshalb von dem gekaperten Proviant abgegeben hat?" "Gut möglich", meinte Brexger, "aber einfach war es dann doch nicht. Siefnir, der Held dieser Geschichte bist Du, magst Du weiter erzählen?"

"Brexger und ich waren mit dem Grafen Heinrich III. von Sayn in Köln", begann Siefnir, "ich natürlich heimlich, also unsichtbar. König Otto hatte verfügt, dass wir einen Teil des gekaperten Proviants bekämen, doch nichts war passiert. Der König war schwer verwundet worden, es ging ihm schlecht, und mit den zuständigen Ministerialen war nicht zu reden, sie taten so, als wüssten sie nichts von Ottos Verfügung. Nur der König selbst konnte helfen. Endlich war es Brexger erlaubt worden, an Ottos Krankenlager zu treten. Auf dem Fußende des Bettes lag der wundervolle Mantel. Der König lag in einem unruhigen, fiebrigen Schlaf, wir machten uns große Sorgen um ihn und wollten schon leise hinaustreten .." Der kleine Erdrache verstummte. Brexger kraulte ihn hinter den Ohren, dann er fuhr er fort: "Doch auf einmal fasste sich Siefnir ein Herz. Zögernd, auf Tatzenspitzen ging er zu Ottos Lager und hüpfte auf das Bett. Ich erschrak, denn ich fürchtete, dass der König dadurch aufwachen würde. Mit seiner Tatze tippte Siefnir leicht auf den Mantel: 'Du ...' Gleich erkannte ihn sein Freund, der Leopard. Ein leises Zwiegespräch entspann sich. 'Ach, diese Ministerialen', sagte der Leopard, 'sie meinen wohl, wenn sie vorsorgt sind, ist es genug. Komm, das werden wir ändern'. Daraufhin stampfte er mit seinen Pfoten auf dem Mantel, bis Goldfunken aufstoben, über das Bett schwebten und schließlich auf Ottos Wangen niedergingen."

Den letzten Teil der Geschichte übernahm Siefnir: "Otto lag in einem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Um ihn war Dunkelheit. Wo war er? War er wieder in Gefangenschaft? Auf einmal drangen kleine goldene Lichter in die Dunkelheit um ihn herum, und ganz langsam kam er zurück .. er war verwundet worden, als er Köln verteidigte. Mühsam schlug er die Augen auf, und sein Blick fiel auf seinen geliebten Mantel. Doch die Leoparden, die ihn sonst so fröhlich anstrahlten, schienen jetzt aufgeregt - sie gestikulierten, als wollten sie ihm etwas erklären, als wollten sie gleich vom Mantel springen, ihn an den Haaren ziehen und in die Nase kneifen, auf dass er endlich begreife .. aber was sollte er begreifen? Er hatte doch Stimmen gehört .. Langsam drehte Otto den Kopf. Als er unseren Ritter erkannte, erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht. 'Oh, Brexger, mein tapferer Drachenritter', sagte er langsam, 'was macht ihr denn noch hier, ich dachte, Ihr seid längst auf dem Weg nachhause?' 'Sire, ich ..' entgegnete Brexger zögernd. Da beeilte sich der Ministeriale zu sagen, 'wir holen schnell die Kisten für den Grafen von Sayn'. Otto schien aufzuatmen. 'Und gebt ihm ordentlich Proviant mit', sagte er noch mit einem Lächeln, 'Ritter Brexger hat stets mehr Münder zu füttern als man meint'. Mit diesen Worten sank er erneut in Schlaf, diesmal in einen erholsamen, und er lächelte auch im Schlaf noch."

Bärlauch hatte ganz gespannt zugehört. Jetzt schaute er den kleinen Erddrachen an, dann Brexger, dann die Kisten mit Proviant, dann wieder den Erddrachen .. schließlich sagte er. "Am Anfang dachte ich, Du erzählst mir eine Geschichte, damit ich diese Nacht im Freien gut schlafe", sagte er, "aber jetzt weiß ich, dass es weit mehr Dinge zwischen Himmel und Hölle gibt, als mir bisher bewusst war". Brexger lächelte. "Ja, das ist wahr, wir können sehr lange leben und werden doch immer wieder von etwas Neuem überrascht. Aber nun schlafe. Gleich morgen früh werde ich hinauf zur Löwenburg reiten und Verstärkung holen .. sofern ich Dich hier allein lassen kann." "Geht nur, Herr Ritter," sagte Bärlauch und legte den Arm um den kleinen Erddrachen, "ich bin doch nicht alleine .. Siefnir und ich haben uns ganz viel zu erzählen!"

Ein neues Märchen aus eigener Feder