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Kreuzfahrer aus dem Siebengebirge

Kreuzfahrer Siebengebirge, Akkon 1228

Es gibt viele Geschichten über die Angehörigen und Freunde der Kreuzfahrer, doch wir wissen wenig über die Kreuzfahrer aus dem Siebengebirge selbst. In dieser Geschichte begleiten wir Bardo von der Wolkenburg und Remy von der Löwenburg nach Akkon.

1227, Deutschland

Im Sommer 1227 sprachen Menschen überall im Reich von dem bevorstehenden Kreuzzug; am 1. August 1227 sollten die Schiffe der Kreuzfahrer von Brindisi in Süditalien aus nach Palästina segeln. Auch Herzog Heinrich IV. von Limburg, amtierender Graf von Berg, würde mit vielen Männern aufbrechen. Hermann von Salza, Hochmeister des Deutschen Ordens und enger Vertrauter Kaiser Friedrichs II., warb in Deutschland für den Kreuzzug.

Friedrich II. und der Kreuzzug

Schon bei seiner Aachener Krönung 1215 hatte Kaiser Friedrich II. zum Kreuzzug aufgerufen; doch dann hatte er ihn immer wieder aufgeschoben. Aus seiner Sicht gab es drängendere Aufgaben: die Herrschaft im nördlichen Reichsteil festigen, in Rom zum Kaiser gekrönt werden, und dann endlich heimkehren und sein geliebtes Königreich Sizilien zurückerobern und neu ordnen. Der Kreuzzug nach Damiette war 1217 ohne ihn aufgebrochen. Friedrich hatte Verstärkung geschickt, doch die Arroganz und Ignoranz einiger Anführer hatten 1221 zu einer verheerenden Niederlage der Kreuzfahrer geführt.

Nach dem Tod von Friedrichs erster Frau Konstanze von Aragón hatte der kluge Diplomat Hermann von Salza eine hochpolitische Ehe eingefädelt: Mit dem Segen des Papstes wurde Isabella von Brienne, die Erbin des Königreichs Jerusalem, Friedrichs zweite Gattin. Zugleich verpflichtete sich Friedrich in einem Vertrag mit dem Papst, am 1. August 1227 endlich den Kreuzzug anzutreten, andernfalls drohte ihm die Exkommunikation.

Frühjahr 1227, Siebengebirge

Auch Bardo, ein entfernter Verwandter der Wolkenburger Grafen, hörte überall vom Kreuzzug reden. Seit dem Tod seiner Eltern lebte er auf der Wolkenburg, hatte aber keinen Erbanspruch. Der Orient faszinierte ihn. Nicht, dass er Ungläubige totschlagen wollte, er war von Grund auf tolerant. Doch die Tapferkeit der Ritter, von der auch der Graf von Sayn so beindruckt war, und die Weltgewandtheit, Bildung und diplomatischen Fähigkeiten Hermann von Salzas beindruckten ihn sehr.

Auch auf der Löwenburg wurde ernst gesprochen. Remy, Marguerites und Brexgers Sohn, wollte sich zusammen mit Bardo den Kreuzfahrern anschließen. Marguerite war bleich. Sie wusste wohl, was die Gesellschaft von ihrer Familie und ihrem Sohn erwartete, doch als Mutter wollte sie ihn nicht ziehen zu lassen. Eisig kehrten die Erinnerungen zurück an den Kreuzzug nach Damiette 1218/1219, als sie alle um Brexger und Graf Heinrich III. von Sayn gebangt hatten [1]. "Maman, es wäre unehrenhaft, wenn ich nicht mitzöge", sagte Remy nun, "der Kaiser und so viele Adlige haben das Kreuz genommen. Von uns Schwertträgern wird erwartet, dass wir das Heilige Land zurückerobern. Unser Graf und Papa sind vor zehn Jahren mitgezogen, und nun ist es an mir." Marguerite schüttelte heftig den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen.

"Da ist noch etwas", sagte Remy zögernd, "Du weißt aus der schlimmen Geschichte mit Hohnfried [2], wie schnell sich die Leute gegen unseren Grafen und uns wenden können. Ihr habt bis zuletzt auf Seiten König Ottos gestanden, und im Herzen habt Ihr ihn doch nie aufgegeben. Ihr habt aufrichtig um ihn getrauert. Wir sind Kaiser Friedrich II. gegenüber loyal, wir wollen Frieden im Reich und in unserer Region, aber wir müssen es wohl öfter und deutlicher beweisen als andere Familien." Brexger nickte, dann sagte er: "Mon amour, ich lasse unseren Sohn auch nicht gerne ziehen, aber er hat Recht. Und bitte denkt auch an unseren Grafen. Viele Menschen achten ihn, aber er hat sich auch mächtige Feinde gemacht. So Konrad von Marburg, den Beichtvater von Elisabeth, die ehemalige Landgräfin von Thüringen. Ihm war es überhaupt nicht Recht, dass Elisabeth oft mit ihren Kindern unser Grafenpaar besucht hat." Dann ging ein Ruck durch Brexger, er schnellte von seinem Stuhl hoch und rief: "Aber zuvor werden wir alles tun, um Euch gut vorzubereiten, Sohn! Schwertkampf, Geographie des Orients, Sprachen, und dann gehen wir nach Heisterbach, damit Euch die Mönchen die Heilkräuter und Heiltränke für Mensch und Tier beibringen!"

August 1227, Brindisi

Im Kreuzfahrerlager

Nach einem wehen Abschied von ihren Familien waren Remy und Bardo im Gefolge Herzog Heinrichs IV. von Limburg aufgebrochen. Die deutschen Truppen sammelten sich bei Konstanz am Bodensee, dann ging es über die Alpen durch Italien nach Brindisi. Dort waren an die 42.000 Kreuzfahrer versammelt, dazu sizilianische Muslime im Dienste des Kaisers. Die Sonne brannte auf die Menschen nieder und die hygienischen Verhältnisse waren verheerend.

Eine Seuche brach aus. Auch Landgraf Ludwig IV. von Thüringen und der Kaiser erkrankten schwer. Dennoch stach man am 8. September in See. Wenig später verstarb Landgraf Ludwig. Friedrich schwebte in Lebensgefahr. Er ließ sein Gefolge umkehren, die anderen 2000 Mann sollten vorab nach Akkon segeln. Den Oberbefehl übergab der Kaiser an Herzog an Heinrich IV. von Limburg.

September 1227, auf See

Über das Meer nach Akkon

Es war eine teilweise stürmische Reise über Kreta, vorbei an der Insel Rhodos nach Zypern und von dort weiter nach Akkon. Remy und Bardo waren auf einem Transportschiff untergebracht. Als armer Verwandter konnte Bardo keine Ansprüche stellen, und der Rittersohn Remy wollte sich nicht von seinem Freund trennen. Die Seereise war aufregend für die beiden, die nie zuvor auf einem großen Schiff gewesen waren. Dass der Kaiser überhaupt eine solche Flotte hatte! Aber Friedrich II. war eben Sizilianer, sein Königreich Sizilien lag im Mittelmeer, da brauchte es eine Flotte.

Schon bald hatten sie einen älteren Ritter kennengelernt, Bertrand. Er war Flame, lebte aber in "Outremer", wie die Franzosen zu den christlichen Königreichen in der Levante sagten, und erzählte ihnen viel über das Land und die Menschen dort. Bardo und Remy saugten begierig alle Informationen auf. "Wenn ich es richtig mitbekommen habe", sagte Bertrand nun, "will der Herzog von Limburg nicht untätig warten, bis der Kaiser kommt, sondern die Zeit für Befestigungsarbeiten nutzen. Städte, Burgen .. da gibt es viel zu tun. Ohne die vielen Kreuzfahrerburgen wäre das Königreich Jerusalem verloren. Euch, Remy, wird man wohl dem bewaffneten Begleitschutz zuteilen."

"Könnt Ihr uns etwas mehr über die Ritterorden berichten?" fragte Remy. "Es heißt, dass sie das militärische Rückgrat des Königsreichs Jerusalem sind." Bertrand nickte. "Ja, es sind Elitetruppen. Die Europäer sind nur eine dünne Oberschicht, es kommen nicht viele nach, also gibt es kein großes Heer", antwortete er. "Da sind seit langem die Templer, ein französisch geprägter Orden. Sie selbst leben in Armut und Keuschheit, ihr Orden aber ist reich. Viele Gläubige machen ihm große Schenkungen, zum Beispiel Land in Europa und in Palästina. Dann haben wir die Johanniter, auch Hospitaliter genannt. Sie betrieben zunächst ein Pilgerspital, das Johannes dem Täufer geweiht war, ihr militärischer Arm kam erst später hinzu. 1190, während der Belagerung Akkons auf dem Dritten Kreuzzug, haben Lübecker und Bremer Kaufleute den Deutsche Orden als Hospitalgemeinschaft gegründet. 1198 wurde sie mit Hilfe der Kreuzritter Heinrichs VI. in einen Ritterorden umgewandelt. Papst Innozenz III. hat ihn feierlich bestätigt. Ihr wisst ja, alle Ritterorden sind direkt dem Papst unterstellt. Akkon ist der Amtssitz des Hochmeisters Hermann von Salza, der den Orden zu einem schlagkräftigen Verband ausgebaut hat. Zugleich ist er ein hervorragender Diplomat, er war schon für Kaiser Otto IV. im Heiligen Land, nun ist er Gesandter der Kurie am Hofe Friedrichs II. Der Kaiser schätzt ihn, Hermann zählt zu den Vertrauten, vielleicht sogar den Freunden des Kaisers."

Besonders gerne erzählte Bertrand von Akkon, seiner Stadt. "Nach dem Fall Jerusalems 1187 leben die Könige und ihre wichtigsten Vasallen in Akkon, hier werden die politischen Entscheidungen getroffen. Viele der europäischen Herren haben ausgedehnten Landbesitz, muslimische Bauern bauen dort für sie an, aber nur wenige Böden bringen reiche Erträge hervor. Viel wichtiger ist der Handel. In Palästina kreuzen sich seit jeher die Handelswege zwischen Europa und Asien, und Akkon ist eine wichtige Hafen- und Handelsstadt. Muslimische und christliche Kaufleute leben dort, die Venezianer, Pisaner und Genuesen haben sogar ihre eigenen Viertel. Sie machen ein Vermögen."

Bardo und die Pferde

Während der stürmischen Fahrt zog es Bardo immer wieder zu den Pferden im Transportraum. Er sprach beruhigend auf sie ein, sang leise, und das tat ihnen gut. Auch mancher wenig seetaugliche Kreuzfahrer war dankbar, wenn Bardo ihm einen kräftigen Kräutertank machte, so wie er es in Heisterbach gelernt hatte. "Du bist mir schon ein Barden-Bardo", sagte Remy mit einem warmen Lächeln, "die anderen Herren singen für hohe und schöne Damen, und Du für die Pferde". "Sie mögen mich und ich mag sie", antwortete Bardo. Schon bald sprach es sich herum, wie gut er mit Pferden umgehen konnte.

Nach vielen Tagen auf See kam endlich die Küste Palästinas in Sicht; bald würden sie den Boden des Heiligen Land betreten. Bertrand trat zu ihnen an die Reling; sichtlich gerührt blickte er hinüber. "Das mag in Euren Ohren jetzt komisch klingen", sagte er, "wo ich doch genauso europäisch aussehe wie Ihr, nur grauer .. ich habe mich gefreut, Flandern wiederzusehen, meine Familie dort und die Burg, von der aus mein Großvater damals ins Heilige Land gezogen ist. Heute bin ich selbst Großvater, ich habe Enkel in Flandern und in Outremer! Das ist gar nicht so einfach. Doch ich bin hier in Palästina geboren, und nun komme ich wieder nachhause. Schaut, jetzt könnt Ihr die Küste richtig sehen. Diese neue Mauern, deren Fundamente am Meeresboden verankert sind, schützen Akkon zur Seeseite. Richard Löwenherz hat sie nach der Eroberung Akkons erbauen lassen."

Dann sprach er Bardo an. "Ich habe gesehen, wie gut Ihr Euch auf den Umgang mit Pferden versteht", sagte er, "ich würde Euch gerne mit auf unser Landgut nehmen. Viele Kreuzfahrer vertrauen uns nach der Überfahrt erst einmal ihre kostbaren Rösser an, damit sie sich erholen und eingewöhnen. Oft beherbergen wir auch mitreisende Angehörige und helfen ihnen, sich zurechtzufinden. Das Klima ist ungewohnt, ebenso die Sitten und der Umgangston, und dann die fremden Sprachen. Ich merke immer wieder, wie viel wir Europäer von der Lebensweise der Orientalen angenommen haben. Ich habe auch schon erlebt, dass sehr asketisch lebende Menschen empört waren, als sie bei uns das leckere Essen mit all den fremden Gewürzen und Südfrüchten, das Bad und die Kosmetik gesehen haben. Ich möchte darauf nicht verzichten, und auf die bessere medizinische Versorgung hier schon gar nicht. Auch wenn man deshalb nicht gleich im Konkubinat leben muss, wie es sogar zahlreiche Kleriker tun. Aber ich will nicht abschweifen. Kurz, ich könnte Eure Unterstützung gut gebrauchen!" Bardo sagte nur zu gerne zu.

Herbst 1227, Akkon

Schlammschlacht

In Akkon erfuhren sie, was nach ihrer Abfahrt in Brindisi weiter geschehen war. Es gab viele Tote zu betrauern. Kaiser Friedrich hatte überlebt, er erholte sich und wollte sobald als möglich nachkommen. In einem Brief hatte er sich beim Papst entschuldigt. Doch Papst Honorius, ein versöhnlicher älterer Herr, war vor kurzem verstorben, und sein Nachfolger, Gregor IX., begegnete dem Kaiser mit unverhohlener Feindseligkeit. Ohne weitere Verhandlung hatte er ihn gebannt. Seither tobte eine Schlammschlacht. Der Kaiser hatte versprochen, im Frühjahr 1228 aufzubrechen, hatte materielle und geistliche Buße geleistet. Doch der Papst erhob immer wieder neue Vorwürfe und wiegelte die lombardischen Städte gegen den Kaiser auf.

Friedrichs Ehefrau Isabella von Brienne war schon am 8. Mai 1228 nach der Geburt ihres Sohnes Konrad verstorben. Sogleich forderte der Kaiser von Isabellas Vater Johann von Brienne den förmlichen Verzicht auf alle königlichen Rechte, die dieser bisher für seine Tochter ausgeübt hatte. Damit hatte er sich einen erbitterten Feind gemacht.

Frühjahr 1228, Akkon

Ein Löwenburger Rittersohn im Heiligen Land

Gut ein halbes Jahr waren Bardo und Remy nun schon im Heiligen Land. Während sie auf den Kaiser warteten, ließ Herzog Heinrich IV. von Limburg seine Truppen Caesarea und andere Städte sowie zahlreiche Burgen neu befestigen. Remy war oft als Begleitschutz mit den Bautrupps unterwegs und hatte schon viel vom Heiligen Land gesehen. Einerseits bewunderte er die Tapferkeit der Ordensritter, doch hatte er auch Missachtung erlebt. Manche hochadligen Ritter schienen ihn, den einfachen Rittersohn von der Löwenburg, gar nicht wahrzunehmen. Und warum waren sie so fanatisch? Warum musste man die "Heiden" totschlagen, bloß weil sie eine andere Religion hatten? Menschen, die wie er für sich und ihre Lieben ein Leben aufbauen wollten und nicht daran dachten, einem Pilger auch nur ein Haar zu krümmen?

Ausgerechnet Männer der Kirche riefen seit über hundert Jahren dazu auf - "Gott will es!" In seiner Lobschrift auf die Templer hatte der große Zisterziensermönch Bernhard von Clairveaux das Totschlagen von Muslimen ausdrücklich gerechtfertigt. Im Gegensatz zum weltlichen Ritter, dem es nur um Besitz und Ruhm ging, kämpfte der Soldat Gottes ja für ein höheres Ziel. Nicht nur gegen die Muslime, auch gegen christliche Abweichler riefen Päpste zum Kreuzzug auf. Wie hatte seine aquitanische Mutter Marguerite gelitten, als die Kreuzheere den Süden Frankreichs in Flammen gesetzt hatten! Ganze Städte hatten sie in Schutt und Asche gelegt, und Männer, Frauen und Kinder niedergemacht. Wo blieb da das Vierte Gebot, Du sollst nicht töten? Der gütige Gott, an den man ihn gelernt hatte zu glauben, konnte das nicht wollen.

Zukunft im Heiligen Land

Bardo hatte sich mit dem Leben im Königreich Jerusalem vertraut gemacht und sprach schon gut Arabisch. Auf Bertrands Hof betreute er die Pferde und half, wo er konnte. Er hatte eine ruhige, freundliche Art, mit Mensch und Tier umzugehen, so dass man sich in seiner Gesellschaft sicher und wohlig fühlte. Den Neuankömmlingen half er, sich im fremden Land mit einer fremden Sprache und fremden Sitten zurechtzufinden.

Gerne streifte er gegen Abend mit Remy durch Akkon. Dann wehte ein frischer Wind, die Hitze des Tages klang ab und Akkons ganze orientalische Lebendigkeit entfaltete sich. Immer wieder fingen sie französische, arabische, italienische und deutsche Sprachfetzen auf, ja sogar völlig fremde Klänge. "Akkon ist schon eine tolle Stadt", sagte Remy bewundernd, "Köln ist ja schon sehr groß, und mit Maman und Papa war ich im Poitou, aber das hier ist schon etwas ganz anderes." Bardo nickte. "Als einfacher Junge hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal das Heilige Land sehe", sage er nachdenklich. Dann schwieg er eine Weile.

"Bertrand möchte, dass ich ganz hier bleibe", sagte er dann, "sein Verwalter wird bald aufhören, und er will mir die Verwaltung seines Gutes übertragen." Remy nickte. "Ich ahnte so etwas", antwortete er, "und es ist mehr als recht so. Bertrand ist ein feiner Kerl, und einen besseren Verwalter als Dich könnte er gar nicht finden! Doch die Vorstellung, Dich auf Jahre nicht mehr zu sehen, schmerzt mich sehr, schon jetzt." "Mich auch", sagte Bardo schnell, "mich auch. Auch der Gedanke an unsere Heimat schmerzt. Aber Gott hat uns unsere Begabungen geschenkt, damit wir etwas sinnvolles damit anfangen. Du weißt, wie es bei uns ist, als armen Verwandtem stehen mir da kaum Wege offen." Remy nickt traurig. "Bertrand hofft, dass der Kaiser es irgendwie hinbekommt, einen guten Frieden zu schließen", fuhr Bardo fort, "und dann könnten wir ab und zu nach Europa segeln. Flandern ist berühmt für seine Tücher, und Bertrands Familie will ihn unterstützen, indem sie Tücher liefert, damit Laken und alles weitere Nötige für die Hospitäler daraus gemacht werden können." "Maman wird es sich nicht nehmen lassen, für Euch zu sticken", sagte Remy lächelnd, "sie mag Dich gerne, auch Papa." "Ich mag sie auch gerne", sagte Bardo warm, "sie sind so viel offener und toleranter als viele ihres Standes. Bertrand möchte, dass sein Gut in seinem Sinn weitergeführt wird. Wir wollen im Heiligen Land, wo Jesus gelebt hat, allen anständigen Menschen mit Respekt begegnen, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime sind." "Da hat er Recht", sagte Remy, "und Eiferer gibt es hier schon mehr als genug."

Das Heilige Land war kein friedliches. Hinter all dem orientalischen Flair tobten wirtschaftliche und politische Grabenkämpfe. Die Elite des Königreichs Jerusalem war sich selten einig, ebenso wenig die Ritterorden. Viele der kleinen und großen Herren gönnten einander nichts.

7. September 1228, Akkon

Der Kaiser kommt!

In den ersten Septembertagen herrschte rege Betriebsamkeit in Akkon. Man erwartete den Kaiser mit seiner Flotte! Friedrich II. hatte sich nicht beirren lassen. Am 28. Juni 1228 war er mit seinem Heer in Brindisi losgesegelt - zu einer Aussöhnung mit dem Papst war es nicht gekommen. Am Morgen des 7. September 1228 hatte ein Wachposten gerufen: "Die Flotte, der Kaiser!", und nun standen unzählige Menschen am Ufer und sahen zu, wie 40 Galeeren und mindestens doppelt so viele Transportschiffe vor Akkon anlegten. Im Gefolge des Kaisers kamen an die 800 Rittern und 3.000 Fußsoldaten, dazu unzählige Pilger.

Bardo und Remy standen mit den anderen deutschen Rittern am Strand und beobachteten das Geschehen. Die Vertreter des Hochadels und Hochmeister Hermann von Salza begrüßten den Kaiser. Sein kupferfarbenes Haar leuchtete bis weit hin. Da kam ein ganz anderer Herrscher und Kreuzfahrer als die, die man bisher gesehen hatte! Friedrichs Heimat war Süditalien, als Enkel seines normannischen Großvaters Roger II. war er in Palermo, damals eine bedeutende Metropole, multikulturell aufgewachsen. In Sizilien lebten arabisch sprechende Sarazenen, altfranzösische sprechende Normannen und Volgare sprechende Sizilianer, hier verschmolzen viele Kulturen. Friedrich II. war hoch gebildet und sprach mehrere Sprachen, auch fließend Arabisch.

Verhandlungen und Krönung in der Grabeskirche

Gleich nach seiner Ankunft schickte der Kaiser Abgesandte zu Sultan Al-Kamil. Schon vor der Überfahrt hatten seine Diplomaten Verhandlungen begonnen, um eine einvernehmliche, friedliche Regelung vorzubereiten. Doch zu verbindlichen Abmachungen war der Sultan noch nicht bereit, und ohne Not wollte er die auch den Moslems heilige Stadt nicht den Christen überlassen.

Wenige Tage nach der Ankunft des Kaisers kamen zwei Ordensleute an. Sie verbreiteten den Bann gegen Friedrich und befahlen im Auftrag des Papstes allen Christen, dem Kaiser den Gehorsam zu verweigern. Remy spürte die veränderte Stimmung. Der Patriarch von Jerusalem machte offen Front gegen den Kaiser, auch Templer und Johanniter stellten sich gegen ihn. Nur seine deutschen und italienischen Ritter sowie die Ritter des Deutschen Ordens blieben loyal. Für den Kaiser hatte sich die Situation dramatisch geändert. Militärisch konnte er sich nicht durchsetzen, doch er musste Jerusalem gewinnen, wollte er nicht Christen und Moslems gegenüber sein Gesicht und jegliche Autorität dem Papst gegenüber verlieren. Friedrich nahm nun direkten Kontakt zu dem Verhandlungsführer des Sultans auf, Emir Fahr ed-Din.

Remy gehörte zu der Truppe, die des Kaisers Abgesandte begleitete. Der Kaiser wird wissen, was er tut, hoffte er, er kennt die orientalische Mentalität gut. Man verhandelt, hält die Drohung aufrecht, und irgendwann ist die Zeit reif und man kommt überein. Gebe Gott, dass es einen friedlichen Weg gibt, dachte er.

Es gab ihn. Nach einem persönlichen Treffen zwischen Kaiser und Emir wurde am 18. Februar 1229 ein Vertrag geschlossen. Friedrich II. erhielt Jerusalem mit Ausnahme des heiligen Bezirkes, Nazareth, Bethlehem und einen Küstenstreifen mit Sidon, Caesareia, Jaffa und Akkon, außerdem sollte ein zehnjähriger Waffenstillstand gelten. Den Muslimen sicherte er freien Zugang zu ihren heiligen Städten zu. Am 17. März 1229, noch immer gebannt, betrat Friedrich II. Jerusalem. Am nächsten Tag, es war der 18. März 1229, setzte er sich in der Grabeskirche selbst die Krone auf.

Remy und Bardo waren unter den Männern des Kaisers. "Damit hatte er ohne Blutvergießen mehr erreicht als die Heere in Jahrzehnten zuvor", sagte Remy bewundert. Verteidigungsanlagen waren wieder aufgebaut, Versorgungsschwierigkeiten behoben, Gefangene ausgetauscht worden. "Mögen jetzt endlich Frieden und Toleranz im Heiligen Land herrschen."

Verrat!

Doch beiden Herrschern wurde von ihren Untertanen Verrat an der eigenen Sache vorgeworfen. Dass der Kaiser überhaupt mit den Muslimen verhandelt hatte, anstatt ihr Blut zu vergießen! Nun schlug ihm der Hass des Patriarchen von Jerusalem entgegen, und auch die Templer und Johanniter wollten diesen Frieden nicht. Der Patriarch von Jerusalem verhängte das Interdikt in seinem Bistum, so dass die Friedrich II. begleitenden Pilger und Kreuzritter keinen Gottesdienst besuchen konnten, und wiegelte die einheimischen Christen den Kaiser auf. Auch Hochmeister Hermann von Salza ging bedrückt einher, der Papst hatte ihm große Vorwürfe gemacht.

Friedrichs Gegner schreckten auch vor Verrat und Attentaten nicht zurück. Dann machte eine Geschichte die Runde, die so ungeheuerlich war, dass Bardo und Remy sie kaum glauben mochten. Einige Ordensritter wollten Sultan Al-Kamil in einen Mordanschlag gegen den Kaiser einbeziehen. Man hatte dem Sultan geschrieben, dass Friedrich mit nur wenigen Begleitern die Stelle am Jordan aufsuchen wollte, an der Johannes Jesus getauft hatte. Dort sei er ein leichtes Opfer. Doch der Sultan reagierte ganz anders - er ließ das Schreiben mitsamt dem Originalsiegel dem Kaiser zustellen.

"So viel Hass, und alles im Namen der Religion", sagte Remy erschüttert. Bardo nickte. Dass Männer der Religion über den Frieden nicht froh waren, sondern Blut sehen wollten, war auch ihm unbegreiflich. "Dabei gibt es so viel Grund zu Dankbarkeit", sagte er, "Gottes Barmherzigkeit war mit Friedrichs Heer, und bestimmt weiß Gott, dass der Kaiser Waffenstillstand und Frieden nicht anders festigen konnte." Doch der Papst war nicht dankbar. Er hatte die Lösung vom Treueid bekräftigt, die lombardischen Städte zum Widerstand aufgewiegelt, päpstliche Söldner unter dem Kommando Johanns von Brienne waren in Süditalien eingefallen. Durch die Verbreitung des Gerüchtes, der Kaiser seit tot, konnten sie bis Apulien kommen. "Der Kaiser wird, ja er muss bald abreisen", sagte Remy, "und dann heißt es auch für uns Abschied nehmen."

Abschied

Friedrich war abreisebereit, und angesichts der feindlichen Atmosphäre wollte er es nicht auf eine erneute Konfrontation ankommen lassen. Im Morgengrauen des 1. Mai wollte er möglichst heimlich abreisen. Doch der Patriarch hatte es mitbekommen, kam selbst zum Hafen und wiegelte die Menschen gegen den Kaiser auf.

Bardo und Bertrand waren früh am Morgen zum Hafen gekommen, um Remy noch einmal zu sehen. "Achtung!" schrie Bardo, da flogen schon die Wurfgeschosse auf den Kaiser und seine Leute. Friedrichs deutsche Ritter scharten sich um ihn, auch Bardo und Bertrand eilten hinzu, hielten die wütende Menge mit der Waffe in der Hand in Schach, bis der Kaiser sicher an Bord war. "Nun geh', mein Freund", drängte Bardo Remy, "und werde glücklich!" Nach einer letzten Umarmung sprang Remy an Bord.

Bertrand und Bardo schauten der kaiserlichen Flotte nach, bis sie am Horizont verschwunden war. Bardo fühlte, wie ihm das Herz schwer wurde. Bilder von der Wolkenburg, den Sieben Bergen und dem Rhein tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Im nächsten Augenblick schoss ihm durch den Kopf, dass sie auf dem Landgut dringend neues Stroh brauchten. Bertrand schaute ihn freundlich an. "Ich kann gut mitfühlen, was gerade in Dir vorgeht", sagte er warm, "Du liebst Deine Heimat, doch Deine Lebensaufgabe hast Du hier gefunden. Es ist kein leichtes Los. Und doch brauchen wir Menschen, die so fühlen, denn daraus entstehen Toleranz und Verständnis füreinander, und das brauchen wir hier dringend."

Epilog

Im Juni 1229 war Kaiser Friedrich II. zurück in Europa, setzte sich durch und nahm unerbittlich Rache. Ein Jahr später schloss er einen vorläufigen Frieden mit dem Papst und wurde vom Bann befreit.

Der Trupp des Herzogs Heinrich IV. von Limburg zog nach der Landung in Brindisi weiter, zurück nach Deutschland. Remy kam wohlbehalten auf der Löwenburg an. Tatsächlich hielt der Frieden im Heiligen Land etwas über zehn Jahre, und Bardo und Bertrand fanden Gelegenheit, Zeit in ihrer Heimat zu verbringen und Familie und Freunde wiederzusehen. Bardo heiratete in Bertrands Familie, und erbte nach dessen Tod das Gut. Seine Kinder wurden im Heiligen Land geboren. Schließlich kam auch sein Enkel Bolko auf die Welt.

Aber damit beginnt schon eine andere Geschichte, die von Bruder Bolko.