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Die Drachendame vom Drachenfels

Brann

Diese Sage spielt Anfang des 6. Jahrhunderts. Das römische Reich, schon lange unregierbar geworden, war unter dem Ansturm der Völkerwanderung zusammengebrochen. Es waren wirre Zeiten und die Menschen lebten in ständiger Angst vor Überfällen anderer Stämme. Am Drachenfels lebte damals ein germanischer, heidnischer Clan. Sein Anführer, Polterich, kümmerte sich wenig um die Geschicke seines Clans. Die meiste Zeit verbrachte er auf Raubzügen oder beim Gelage mit seinen Kumpanen.

Eines Tages entführte der Clan bei einem Raubzug eine christliche Jungfrau (dem Volksmund nach die spätere Heilige Margarethe). Polterich und Rauferich, sein jüngerer Bruder, stritten sich um sie und wollten sich ans Leben. Da fällte Stänkerich, der Clan-Älteste, ein grausiges Urteil: Oben auf dem Drachenfels lebte ein Drache, ihm sollte die Jungfrau geopfert werden.

In Wirklichkeit war der Drache gar kein Drache, sondern eine ältere Drachen-Dame, die sich von den Menschen fern hielt. Rauferich hatte sie bei einem Ritt durch die Berge zufällig getroffen und sich, nach anfänglichem Misstrauen auf beiden Seiten, mit ihr angefreundet. Nun suchte er ihren Rat. Heimlich schlich er zu ihr und fragte: "Was soll ich tun? Ich mag das Mädchen, und ich möchte nicht, dass Polterich sie unglücklich macht. Und ich mag auch Dich und finde es schlimm, dass die Menschen Dich für ein Monster halten. Wir sind alle verroht durch die langen Kriegsjahre, das muss endlich aufhören." "Ich bin froh, dass Du das einsiehst" , antwortete die ältere Drachen-Dame, "und nun musst Du Deinen Clan in eine bessere Zukunft führen. Ich mag das Mädchen auch, und diese Heirat ist wichtig, damit auf beiden Seiten des Rheins wieder Frieden herrscht."

Nach einer kleinen Weile fuhr sie fort: "Mach' dir keine Gedanken um mich. Ich bin die Gesellschaft der Menschen etwas müde geworden. Wir Drachen hüten den Anfang und das Ende der Zeit, für uns läuft die Zeit nicht so wie für Euch Menschen. Ein paar Jahrhunderte Winterschlaf in den warmen Höhlen unter der Erde werden mir gut tun. Sei beruhigt, wenn Eure Nachfahren mich brauchen, werden sie den Weg zu mir finden. Aber vorher bieten wir den Kerlen hier noch eine Show!" Gerührt umarmte Rauferich die alte Drachen-Dame. Dann schmiedeten die beiden einen Plan.

Über das weitere Geschehen heißt es in der Chronik vom Drachenfels: "Am nächstem Morgen wurde die Jungfrau auf den Gipfel des Drachenfels gebracht und vor der Höhle angebunden. Kurz darauf drangen gräßliche Geräusche aus dem Inneren der Höhle, die uns erzittern ließen .. der Drache kam. Mit grimmiger Miene, schnaubend und Feuer speiend kam er auf uns zu. Wir alle wichen zurück. Es schien, als ob einige von uns um Gnade für die Jungfrau bitten wollten, aber wir waren starr vor Angst. Der Drache sah die Jungfrau, brüllte laut und ging auf sie los. Sein feuriger Atem versengte schon ihr Kleid, da sah er das goldenes Kreuz um ihren Hals .. und wich zurück. In diesem Moment trat Rauferich hervor und stellte sich schützend vor die Jungfrau. "Nein", rief da Stänkerich aus dem Hintergrund, "die Jungfrau muss geopfert werden. Der Drache braucht ein Opfer!"

Da brüllte der Drache so laut, dass der Berg erzitterte. Er ging hin und her, als ob er nun ein anderes Opfer suchen würde. Alle flohen, so schnell und so weit sie konnten. Nur Rauferich und die Jungfrau blieben bei einander stehen. Auf einmal spie der Drache Feuer, riss mit seinem Feuerstrahl eine Spalte in den Felsen und ging hindurch. Hinter ihm schloss sich der Felsen wieder."

Nach diesem Ereignis wurde Rauferich zum neuen Clanchef gewählt. Er und die Jungfrau heirateten, und sie wurden sehr glücklich miteinander. Mit ihnen an der Spitze des Clans änderte sich vieles zum Guten. Wenn Rauferich durch die aufblühende Gegend ritt, dachte er oft an seine Freundin, die alte Drachen-Dame. Was für einen Auftritt hatte sie da gezeigt! Er vermisste sie und wünschte, sie könnte sehen, wie schön das Leben am Drachenfels nun war. Doch in seinem Herzen wusste er, dass sie alles mitbekam, wo auch immer sie war, und dass sie eines Tages wiederkommen würde.

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