Der Rheindrache | Mobil Suche Sitemap | französisch englisch spanisch

Von Drachen, Eseln und Sängern

Burgtor

Diese Legende spielt zur Zeit des Kreuzzugs nach Damiette 1217/1221.  Unter den rheinischen Kreuzfahrern waren auch Graf Heinrich III. von Sayn und Graf Adolf III. von Berg.

1218, Burg Löwenburg

Auf der Löwenburg bangten alle um Graf Heinrich III. und seinen treuen Gefolgsmann Ritter Brexger. Da waren seine Gattin Marguerite, Sohn Remy und Tochter Clémence, Koch Bärlauch, die Mägde und zahlreiche Wachmänner.

Die Angst um ihren geliebten Mann setzte Marguerite sehr zu. Eben trat Koch Bärlauch mit einem Tablett in ihre Kemenate. "Bitte, Ihr müsst etwas essen, Marguerite", drängte er, "schaut, Clémence hat die Kräuter gesammelt und Remy hat Holz besorgt, damit ich in der Küche Feuer habe. Wir wollen sie doch nicht vor den Kopf stoßen." Marguerite lächelte schwach. Nein, das wollte sie nicht. "Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?" fragte sie - fast gegen besseres Wissen, denn es gab kaum Nachrichten. Ein Jahr lang waren die Kreuzfahrer in Palästina umhergezogen, nun ging es gegen Ägypten, das Machtzentrum des Sultans. Schlimmer noch, im Feldlager der Kreuzfahrer war eine Seuche ausgebrochen, und auch Graf Adolf III. von Berg war ihr Anfang 1218 erlegen. Bärlauch schüttelte traurig den Kopf. "Nein, leider nicht", sagte er, "die Kreuzfahrer sind noch vor Damiette."

Endlich Nachrichten aus Ägypten?

Wieder allein hing Marguerite ihren Gedanken nach. Auch Graf Heinrichs Gattin Mechthild bangte um ihren Gatten. Graf Heinrich III. hatte bei der Aachener Krönung Friedrichs II. mit vielen seiner Standesgenossen das Kreuz genommen. Vielleicht auch, um allen zu zeigen, dass nun Frieden herrschte zwischen ihm, dem langjährigen Kämpfer für Otto IV., und dem letztlich siegreichen Staufer Friedrich*. Otto, den Marguerite seit ihrer Kindheit kannte, war vor kurzem gestorben.

Ein leises Klappern riss sie aus ihren Grübeleien. Clémence war in ihre Kemenate getreten, und dabei zog sie einen kleinen Holzesel auf Rollen hinter sich her, den Bärlauch für sie geschnitzt hatte. "Maman", sagte sie aufgeregt, "ein fahrender Sänger ist auf dem Weg zu uns!" Viele Menschen waren begierig, Neuigkeiten aus dem Heiligen Land zu erfahren, und so hatte sich die Anwesenheit eines fahrenden Sängers, der aus dem Heiligen Land kam, rasch herumgesprochen. Viele wollten ihn treffen und hören, ob er etwas von ihren Lieben wusste.

Der fahrende Sänger auf der Löwenburg

Am nächsten Tag traf der fahrende Sänger auf der Löwenburg ein. Man war ihm entgegengegangen, damit er sich im dichten Wald nicht verirrte und sicher auf die Burg kam. Siefnir, der kleine Erddrache und bester Freund Ritter Brexgers, wollte unbedingt dabei sein und hatte sich in einer Ecke an der Burgmauer versteckt.

Am Burgtor begrüßte Bärlauch den fahrenden Sänger. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Siefnirs Schuppen sträubten und die Farbe wechselten. Offensichtlich war der kleine Erddrache mit seinem feinen Gespür für Gut und Böse misstrauisch geworden. "Seid willkommen", begrüßte Bärlauch nun den Gast, "die Herrin Marguerite erwartet Euch. Ich werde Euch den Weg zeigen." Der Sänger antwortete nicht und zog nur die Augenbraue hoch. Offensichtlich hielt er es nicht für nötig, einem Bediensteten zu antworten. Bärlauch wechselte einen raschen Blick mit Siefnir in seinem Versteck, dann geleitete er den Gast hinauf zu den Wohnräumen. Dort erwartete ihn Remy. "Seigneur Remy", sagte Bärlauch mit ernster Miene, "bitte führt unseren Gast zur Herrin". Remy war irritiert, so förmlich war Bärlauch sonst nie.

Clémences Esel

Marguerite bot ihrem Gast einen Stuhl und ein Mahl an, dann ließ man ihn erzählen. Der Graf von Sayn sei wohlauf, meinte der fahrende Sänger, müde aber gesund. Dann fuhr er fort: "Es ist so verwirrend, da sind so viele Kreuzfahrer, Europäer, Königreich Jerusalem, Ritterorden, man hört alle Zungen .. könnt Ihr mir Euren Gemahl beschreiben?" Kurz beschrieb Marguerite Brexger. "Remy und Clémence sehen ihm sehr ähnlich", schloss sie, "besonders Clémence. Sie hat die gleichen hellbraunen Haare und dunkelblaue Augen." "Ja", sagte der fahrende Sänger dann und ließ sich Zeit, "ja .. ich glaube, ich habe Euren Gemahl gesehen. Im Lazarett. Vielleicht wird er ja wieder gesund, auch wenn die Ärzte dort alle Hände voll zu tun haben und es viel zu wenig Medikamente gibt." Marguerite fühlte, wie sich ihr Herz zusammenkrampfte. Zugleich stieg eine unbändige Wut in ihr hoch. Der Mann war keine mitfühlende Natur, im Gegenteil, er schien sich mächtig zu fühlen durch die Sorge einer Familie. "Euer Gemahl sagte, dass Ihr die Blumen liebt und die Stickerei", sagte der fahrende Sänger nun. "Ja, dem ist so", antwortete Marguerite förmlich. Das ist nicht zu übersehen, dachte sie, die Blumenbeete und Bärlauchs Kräutergärten sind herrlich, und ihre Stickereien machten den Raum heimelig. Man musste Brexger nicht kennen, um das zu sagen.

Marguerite sah, wie sehr die Worte des fahrenden Sängers ihre Kinder erschreckten, und schickte sie schnell hinaus. Clémence zog ihren Holzesel hinter sich her. "Mach Dir keine Sorgen, vielleicht wird Dein Vater ja doch wieder gesund", sagte der fahrende Sänger gönnerhaft zu der Kleinen, "er hat von Euch erzählt. Von Eurer Burg, von seiner schönen Frau und seinen Kindern, und dass Ihr auch Esel sehr liebt. Ganz besonders diese großen, wie Du einen hast, die Paris-Esel." Schlagartig blieb Clémence stehen. "Das ist kein Paris-Esel", schimpfte sie, "Paris-Esel gibt es gar nicht!" Nun stand Marguerite auf, ganz Herrin der Burg. "Es heißt Poitou-Esel, nach der Region, aus der ich stamme. Ich denke, Ihr habt meinen Gemahl nicht wirklich auf dem Krankenlager gesehen, Ihr lügt uns was vor!" "Ja", schrie Remy, "ich glaube Euch auch kein Wort! Siefnir hat es gleich gespürt, dass man Euch nicht trauen kann!"

Der ertappte falsche Sänger wollte sich schnell zur Flucht wenden, doch die von Bärlauch alarmierten Wachleute der Löwenburg versperrten ihm die Tür. Nun wich alle Hochmütigkeit von dem Mann. "Lasst mich gehen", bat er kleinlaut, "Ihr habt Recht, ich habe Euren Gatten nicht im Lazarett gesehen, ich kenne ihn gar nicht. Von dem Grafen von Sayn habe ich gehört, er war nicht unter den Verletzten. Auf dem Weg hierher traf ich Leute des Grafen Hohnfried, vielleicht haben sie mich auch abgepasst. Sie haben mir Geld geboten, dass ich Euch diese Geschichte erzähle, und wer braucht kein Geld in diesen Zeiten."

Marguerite atmete tief durch. "Sperrt ihn ein", sagte sie, "wir werden später entscheiden, was mit Euch geschieht." Dann sank sie in ihren Stuhl. Hohnfried, schon wieder Hohnfried**. Er gönnte den Saynern und ihren Gefolgsleuten keine Ruhe, hatte die Fehden aus der Zeit des Krieges und seine Schmach nie vergessen. Nun glaubte er offenbar, in Abwesenheit des Grafen und Ritter Brexgers leichtes Spiel zu haben, zumal Marguerite wie auch die Gräfin von Sayn nicht aus der Region stammten. Aber da hatte er sich mächtig verrechnet, und vor allem die Liebe und den Zusammenhalt in Brexgers Familie und Freundeskreis unterschätzt. Auch auf seine Wachleute war Verlass, sie würden die Familie mit der Waffe in der Hand verteidigen. Als Marguerite sich ein wenig beruhigt hatte, nahm sie ihre Kinder an die Hand und ging mit ihnen zu Bärlauch in die Küche. Auch Siefnir lugte durch ein Küchenfenster. Dankbar lächelten sie ihm zu, er hatte gleich richtig gelegen.

"Lassen wir ihn laufen", schlug Marguerite vor, "es hilft Brexger und dem Grafen nichts, wenn wir ihm etwas antun. Aber wir werden dafür sorgen, dass ihm von hier bis hinab nach Süddeutschland keiner mehr zuhört." Und als der falsche Sänger, sichtbar erleichtert, hinweg eilte, gossen Bärlauch und seine Gehilfen kübelweise Küchenabfälle über ihm aus. Nein, sobald würde niemand den falschen Sänger in die Kemenate holen!

* 1212 hatte erneut ein Thronkrieg das Land gespalten, diesmal zwischen Otto IV. und Friedrich II. Nach Ottos Niederlage in der Schlacht von Bouvines waren die Dinge auch im Reich entschieden, der Weg war frei für Friedrich, sein Heer rückte immer näher. Für die Sayner Grafenfamilie und ihre Leute, die bis zuletzt auf Ottos Seite gestanden hatten, bedeutete das eine großte Gefahr. Im Mai 1215 hatte sich Graf Heinrich III. den Fakten gebeugt und sich mit dem Staufer ausgesöhnt.

** Siehe Drachengesang